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Bachmann, Ingeborg: Lieder von einer Insel

Portre of Bachmann, Ingeborg

Lieder von einer Insel (German)

Schattenfrüchte fallen von den Wänden,

Mondlicht tüncht das Haus, und Asche

erkalteter Krater trägt der Meerwind herein.

 

In den Umarmungen schöner Knaben

schlafen die Küsten,

dein Fleisch besinnt sich auf meins,

es war mir schon zugetan,

als sich die Schiffe

vom Land lösten und Kreuze

mit unsrer sterblichen Last

Mastendienst taten.

 

Nun sind die Richtstätten leer,

sie suchen und finden uns nicht.

 

*

 

Wenn du auferstehst,

wenn ich aufersteh,

ist kein Stein vor dem Tor,

liegt kein Boot auf dem Meer.

 

Morgen rollen die Fässer

sonntäglichen Wellen entgegen,

wir kommen auf gesalbten

Sohlen zum Strand, waschen

die Trauben und stampfen

die Ernte zu Wein,

morgen am Strand.

 

Wenn du auferstehst,

wenn ich aufersteh,

hängt der Henker am Tor,

sinkt der Hammer ins Meer.

 

*

 

Einmal muß das Fest ja kommen!

Heiliger Antonius, der du gelitten hast,

heiliger Leonhard, der du gelitten hast,

heiliger Vitus, der du gelitten hast.

 

Platz unsren Bitten, Platz den Betern,

Platz der Musik und der Freude!

Wir haben Einfalt gelernt,

wir singen im Chor der Zikaden,

wir essen und trinken,

die mageren Katzen

streichen um unseren Tisch,

bis die Abendmesse beginnt,

halt ich dich an der Hand

mit den Augen,

und ein ruhiges mutiges Herz

opfert dir seine Wünsche.

 

Honig und Nüsse den Kindern,

volle Netze den Fischern,

Fruchtbarkeit den Gärten,

Mond dem Vulkan, Mond dem Vulkan!

 

Unsre Funken setzten über die Grenzen,

über die Nacht schlugen Raketen

ein Rad, auf dunklen Flößen

entfernt sich die Prozession und räumt

der Vorwelt die Zeit ein,

den schleichenden Echsen,

der schlemmenden Pflanze,

dem fiebernden Fisch,

den Orgien des Winds und der Lust

des Bergs, wo ein frommer

Stern sich verirrt, ihm auf die Brust

schlägt und zerstäubt.

 

Jetzt seid standhaft, törichte Heilige,

sagt dem Festland,

                daß die Krater nicht ruhn!

Heiliger Rochus, der du gelitten hast,

o der du gelitten hast, heiliger Franz.

 

*

 

Wenn einer fortgeht, muß er den Hut

mit den Muscheln, die er sommerüber

gesammelt hat, ins Meer werfen

und fahren mit wehendem Haar,

er muß den Tisch, den er seiner Liebe

deckte, ins Meer stürzen,

er muß den Rest des Weins,

der im Glas blieb, ins Meer schütten,

er muß den Fischen sein Brot geben

und einen Tropfen Blut ins Meer mischen,

er muß sein Messer gut in die Wellen treiben

und seinen Schuh versenken,

Herz, Anker und Kreuz,

und fahren mit wehendem Haar!

Dann wird er wiederkommen.

Wann?

Frag nicht.

 

*

 

Es ist Feuer unter der Erde,

und das Feuer ist rein.

 

Es ist Feuer unter der Erde

und flüssiger Stein.

 

Es ist ein Strom unter der Erde,

der strömt in uns ein.

 

Es ist ein Strom unter der Erde,

der sengt das Gebein.

 

Es kommt ein großes Feuer,

es kommt ein Strom über die Erde.

 

Wir werden Zeugen sein.



Uploaded byP. T.
Source of the quotationhttp://books.google.hu/books

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